Reisebericht Februar 1998
von Stefanie Christmann
Im Januar und Februar 1998 hat die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, sich
das Esel-Projekt in Eritrea angeschaut, in Asmara und in der Provinz Gash-Barka mit Mitarbeiterinnen
der eritreischen Frauenunion gesprochen und viele Frauen, die einen Esel erhalten haben, in ihren
Lehmhütten besucht. Die Reise wurde privat finanziert. Hier ihr Bericht:
"Das ist mein Taxi, und das ist seine Garage!" energisch und stolz zeigt die 54jährige
Tsega Tesfamariam auf einen gepflegten grauhaarigen Vierbeiner und ein Strohdach, das an die
Lehmhütte angebaut ist.
Tsega ist staatlich ausgebildete Geburtshelferin und lebt 100 Kilometer
Luftlinie von der nächsten Teerstraße entfernt in Bushuka, einem Provinzort im westlichen
eritreischen Tiefland, zusammen mit ihrer Mutter und, seit dem Tod ihrer Tochter, auch mit dem
kleinen Enkel.
Fünf Stunden Fußweg
Geburtshilfe gilt traditionell als Dienst am Nächsten: Nur wenn die Familien der
Mütter es sich leisten können, erhält Tsega Lohn. Pro Monat betreut sie 15 bis 18 Geburten in einem
Radius von fünf Stunden Fußweg, sie besucht jede Frau vorher mehrmals, um sie zu untersuchen.
Außerdem versucht sie die Mütter dafür zu gewinnen, daß sie sich nach der Geburt nicht wieder
"zunähen" lassen und daß ihre Töchter erst gar nicht genitalverstümmelt werden. "Jetzt muß ich nicht
mehr in aller Eile zu Fuß unter brütender Sonne zu den gebärenden Frauen laufen. Das ist der
größte Vorteil, den mir der Esel von der Frauenunion bringt."
Tsegas achtzigjährige Mutter, die ihr Leben lang das Wasser vom zwei Stunden Fußweg entfernten
Fluß auf dem eigenen Rücken geschleppt hat, findet wichtiger, daß sie durch den Esel erstmals
genug Wasser und Holz zu Hause haben, und, weil sie jeden Tag 80 Liter Wasser verkaufen, endlich
auch genug zu essen. Immer noch nur Getreidefladen und Hirsebrei, aber das dreimal am Tag, während
es vorher nur für eine Mahlzeit reichte.
Esel sind in sehr guter Verfassung
Bisher* wurden 215 Esel verteilt.
Die Esel, wertvollster Besitz der Frauen, sind in sehr guter
Verfassung. Die Frauen hatten sogar ein Sonnendach für die Esel gebaut. Für die 24.600 DM, die
wir im Spätsommer 1997 überwiesen haben, werden derzeit die Frauen ausgewählt*.
Diese Verzögerung
kommt erstens dadurch zustande, daß zunächst die Finanzprüfung gemacht werden mußte, und zweitens,
daß die Frauenunion meinen Besuch abwarten wollte, um über eine Ausdehnung des Projektgebietes zu
entscheiden.
Wir haben beschlossen, daß künftig stets die Hälfte des Geldes für die Provinz
Gash-Barka und die andere Hälfte für die Provinz Sahel verwandt werden soll. Sahel ist eine sehr
gebirgige Provinz im Norden, die im Krieg stark zerstört wurde.
Viele Bewohner sind damals
geflüchtet und kehren nun zurück, um ihre Dörfer wieder aufzubauen. Die Frauen und Mädchen müssen
hier das Wasser oft mühsam bergauf tragen. Die Frauenunion hat im Frühjahr in mehreren Orten der
Provinz Sahel mit der Eselverteilung begonnen.
Alleine mit fünf Kindern
Die 33jährige Kobra Ali war mit zwölf Jahren verheiratet worden. Sie hat ihren Mann im
Krieg
verloren und steht nun mit fünf Kindern alleine da. Jahrelang hatte sie vergeblich versucht, mit
Korbflechten Geld zu verdienen: Mehr als einen Nakfa am Tag bekam sie nie, aber zwölf braucht sie
für sich und die Kinder.
Vor einem Jahr erhielt sie einen Esel. Heute verdient sie damit 400 Nakfa
im Monat - so viel wie eine Kindergärtnerin in der Hauptstadt. Kobra holt Wasser für sich und
für den Verkauf, sie hat sich eine Axt gekauft, sammelt herumliegendes Holz, schlägt es in
transportierbare Stücke und verkauft es. Im Winter transportiert sie mit dem Esel Getreide für
andere Leute. Außerdem schneidet sie jeden Tag Gras und verkauft es als Eselfutter auf dem Markt.
Sie wäscht ihre Kinder jeden Tag, statt wie früher alle drei Tage. Alle Kinder gehen zur Schule.
Im Moment wartet sie auf das erste Eselbaby und überlegt, ob sie es behalten soll, um ihr Geschäft
auszuweiten, oder ob sie für den Erlös zwei Ziegen kaufen soll, um Milch für die Kinder zu haben.
Mit dem Esel eine Lehmhütte gebaut
Die 45jährige Bejenesh Drar aus Bushuka, Mutter von drei Kindern, lebte früher in einem Unterstand,
den sie sich aus aufgesammelten Stöcken gebaut hatte. Inzwischen hat sie sich selbst eine Lehmhütte
gebaut. Das Material (ca. 350 Nakfa) finanzierte die Regierung, weil ihr Mann als Kämpfer im
Unabhängigkeitskrieg starb.
Der Bau war eine langwierige Plackerei, obwohl Nachbarn halfen.
Möglich wurde er, als Bejenesh durch den Esel in der Lage war, genügend Wasser für den Lehmbau
zur Baustelle zu bringen. "So viel hätte ich nie schleppen können", erklärt sie, "und 20 Liter
Wasser kosten 1 Nakfa, für mich ist das unbezahlbar."
* Stand vom Februar 1998. Für aktuelle Daten klicken Sie hier.
zurück zum text
|