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Reisebericht Mai/Juni 2001

von Stefanie Christmann

Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, hat im Mai/Juni 2001 drei Projektregionen in Eritrea besucht - Gash-Barka, nördlicher Sahel und die Region südlich von Adi Quala/Tsorona. Die Reise wurde privat finanziert.

Ein Jahr nach Kriegsende kehren die Menschen aus den Flüchtlingslagern zurück in ihre Dörfer. Ca. 4000 UN-Blauhelme sind entlang der Grenze zu Äthiopien stationiert, die Landminen sind weitgehend geräumt. Die eritreische Flüchtlingsorganisation ERREC bringt die Frauen und Kinder mit LKW. Die Frauen behalten die Kleider und den Hausrat, den sie im Lager bekommen haben. Vor allem dürfen sie ihr Zelt mitnehmen. Denn in den Orten, in denen gekämpft wurde, sind die Dächer weggeflogen oder weggesprengt. Es stehen buchstäblich nur noch die Mauern, alles ist geplündert. Also schlagen die Frauen neben der Ruine ihr Zelt wieder auf und hoffen, irgendwann das Geld zu haben, um über ihr Haus oder ihre Hütte wieder ein Dach zu bauen.

Sieben Personen auf sechs m²

Hansu Geresghiher, eine 42jährige alleinerziehende Mutter, lebt in Enda-Gerghish, ganz nahe der äthiopischen Grenze. Sie hat durch den Krieg die Hälfte ihrer kleinen Hütte verloren und lebt jetzt mit ihren sechs Kindern auf sechs Quadratmetern. Einige müssen auf dem Boden schlafen, weil kaum Platz ist. Hansu arbeitet in einer Getreidemühle, mußte aber oft betteln, weil sie trotz ihrer vielen Arbeitsstunden zu wenig Getreide für die siebenköpfige Familie erhält.

Im Frühjahr hat sie einen Esel bekommen und neben der Arbeit in der Getreidemühle mit Wasser- und Holzhandel begonnen. Ihr Esel ist tragend, sie will das Junge auf jeden Fall behalten. Wenn es ausgewachsen sei und irgendwann mitarbeiten könne, hofft sie, so viel zu verdienen, daß sie sich den Wiederaufbau der anderen Hüttenhälfte leisten kann. Schon jetzt schickt sie alle Kinder, die über sechs Jahre alt sind, zur Schule, auch die Mädchen.

Neustart aus eigener Kraft

Gute Nachrichen: In den Dörfern, die sich wieder mit Menschen füllen, tauchen plötzlich etliche der von uns verloren geglaubten Esel wieder auf und stehen morgens neben der Hütte ihrer Besitzerin.

Oder: Tsega Mekonnen, die vergangenes Jahr im Flüchtlingslager so sicher war, den Neuanfang alleine zu schaffen, hat es tatsächlich alleine geschafft: Den Laden haben sie und ihre Tochter noch nicht wieder eröffnet, aber den Marktstand. Auch viele andere Frauen in der Region um Barentu haben mit dem Esel aus eigener Kraft den Start geschafft.

In Gash-Barka haben einige Frauen angefangen, mit ihren Eseln zu pflügen. Sie spannen zwei Esel vor einen leichten Holzpflug, der die Erde nicht umwälzt, aber eine Furche zieht. Die Frauen können so auf kleinen Feldern Gemüse anbauen. Gemüse ist für alleinerziehende Frauen unerschwinglich. Wieviel gearbeitet wird, bestimmen die Esel. Wenn die Tiere müde werden, hören die Frauen auf. Denn der Esel ist ihr kostbarster Besitz und die einzige Möglichkeit, regelmäßig ein Einkommen zu bekommen.

Auch bei den Frauen, die Wasser verkaufen oder Transporte machen, hörte ich diesmal immer wieder: "Nein, der Esel ist tragend, deshalb muß er jetzt nicht so viel arbeiten." oder "An kühlen Tagen hole ich vier oder fünfmal am Tag Wasser. Wenn es so heiß ist wie heute nur zweimal. Sonst ist das nicht gut für den Esel." Als ihr Esel eine Infektion hatte, ging Gidei Saada aus Enda-Gerghish (vier Kinder) mit dem Esel nach Norden bis zur nächsten Gesundheitsstation. Sie hat ihre Ersparnisse (30 Nakfa/7,50 DM) für eine Penicillinspritze ausgegeben, um ihren Esel zu retten. "Wenn der Esel gestorben wäre, hätten wir wieder zu wenig zu essen gehabt und ich hätte meine Tochter nicht mehr zur Schule schicken können," sagte sie.

Modellfunktion

Wie erfolgreich das Esel-Projekt ist - ob es nur Armut lindert und den Töchtern den Schulbesuch ermöglicht, oder ob es schon den Müttern den Aufstieg in die Mittelschicht ermöglicht - hängt auch davon ab, wie klug die Frauenunion die Frauen für die Eselvergabe auswählt. Zuerst beginnen immer alle Frauen mit Wasserhandel. Dieses Verdienst reicht, um genügend Nahrung zu kaufen und allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Die Frauen brauchen Monate, um wieder zu Kräften zu kommen. Wird ein Eseljunges geboren, machen die Frauen Pläne für die Zukunft, denn nun wird die Chance greifbar, ihr Geschäft irgendwann auszuweiten oder Werkzeuge zu kaufen.

Wichtig ist, daß unter den Frauen, die einen Esel bekommen haben, eine ist, die die Courage hat, etwas Neues zu probieren: Transporte, Gemüsehandel, Pflügen/Landwirtschaft oder den Bau eines Hauses. Sobald eine Frau im Dorf das Muster durchbricht, dem zufolge alleinerziehende Frauen quasi naturgemäß arm sind, fühlen sich auch die anderen ermutigt, ebenfalls etwas zu tun, was sonst nur Männer tun. Für die Mädchen im Dorf sind diese erfolgreichen Frauen auch ein sichtbarer Beweis dafür, daß ein Ehemann nicht die einzige Möglichkeit ist, der Armut zu entkommen. Insofern kann das Projekt auch der fatalen Frühverheiratung von 14-, 15jährigen Mädchen entgegenwirken.

Esel und Alphabetisierung

Fatna Said aus Afabet (Sahel) ist ein solches Vorbild. In Afabet wurden 1998 36 Esel vergeben - und hier hat sie als erste Frau ihr eigenes Haus gebaut. Innerhalb von nur zwei Jahren und trotz der kriegsbedingten Teuerung! Fatna Said, eine vierzigjährige Tigre, hat zwei Töchter. Sie hatte sich scheiden lassen, als ihr Mann eine zweite Frau heiratete. Sie zog mit ihren Töchtern in einen Unterstand aus Holzstangen, den sie mit Lumpen und Resten von Plastikplanen abzudichten versuchte. Sie verdiente etwas Geld mit Bastarbeiten, konnte das aber nicht fortsetzen, als ihre Augen immer schlechter wurden. Als sie den Esel bekam, begann sie mit intensivem Wasserhandel (sechs Gänge pro Tag) und kaufte immer wieder Lehmziegel. Bis sie genug für ein wasserdichtes und hohes (daher kühles) Haus hatte. 1000 Nakfa habe sie wohl insgesamt aufgebracht, meint sie, "alles mit dem Esel verdient". Im Moment baut sie eine kleine Mauer um ihr Grundstück, um später Kleinvieh zu halten. Ihre Töchter gehen beide zur Schule und sollen ihr auch nicht bei der Arbeit helfen. Fatna Said selbst besucht gerade einen Alphabetisierungskurs der Frauenunion.

Daß der Esel und der regelmäßige Verdienst die Grundlage dafür sind, überhaupt wieder in die Zukunft zu denken, war auch im Süden zu beobachten, wo mehrere junge Mädchen Esel bekommen haben. Sie hatten ihr Dorf verlassen müssen, weil sie unverheiratet schwanger waren, und lebten mit dem Kind in einem Nachbardorf in einer gemieteten Hütte. In absoluter Armut und Perspektivelosigkeit. Aussichten auf eine Heirat haben sie nicht mehr. Da alle Analphabetinnen sind, haben sie auch nur schlechte Erwerbschancen. Kurz nachdem sie den Esel bekamen, meldeten sich die jungen Frauen für einen Alphabetisierungskurs der Frauenunion an, den sie auch besuchen.


Lesen Sie auch die Reiseberichte vom August/September 2008, November 2007, August/September 2007 (Nepal), Mai/Juni 2006, Juni 2005, Juni 2004, Mai/Juni 2003, Mai/Juni 2002, Juni 2000 und vom Februar 1998.









Zerstörtes Haus

Frauen, die mit ihren Kindern aus dem Flüchtlingslager zurück in ihr Dorf gehen, finden von ihrem Haus oft nur die Mauern wieder.


























































Der eigene Marktstand

Letebrehan, die Tochter von Tsegga Mekonnen, vor ihrem Marktstand.






















Dahab Mekonnen fütert ihren Esel

Dahab Mekonnen aus Enda Gerghish arbeitet sehr viel mit ihrem Esel und füttert ihn deshalb in einem Auslauf aus Akazienzweigen.







































Das neue Haus

Fatna Saids neues Haus neben der alten Hütte.





Fatnas Familie

Fatna Said mit ihren Töchtern und dem Esel.











Lettedengel Sahar, eine 33jährige Mutter von drei kleinen Kindern, kann mit dem Esel nicht nur ihren beiden älteren Kindern (10 und 7) den Schulbesuch ermöglichen, sondern geht jetzt auch selbst in einen Alphabetisierungskurs.


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