Reisebericht Mai/Juni 2002
von Stefanie Christmann
Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, hat im Mai/Juni 2002 drei
Projektregionen in Eritrea besucht - Gash-Barka, südlicher Sahel und die Region
südlich von Adi Quala/Tsorona. Die Reise wurde wie immer privat finanziert.
"Die Esel sind unser Leben! Das Leben unserer Kinder!" sagt Amna Sahle,
eine 30jährige Tigre aus Zula (südlich von Massaua). Die alleinerziehende Mutter von drei
Kindern hat im November 2001 einen Esel erhalten. Foro, Zula und Afta liegen nahe der
Danakil-Wüste, einer der heißesten Wüsten der Welt.
Anfang Juni herrschten etwa 45 Grad
im Schatten - nur dass es mangels Bäumen keinen Schatten gibt. Hier finden die Frauen
Käufer für Wasser, obwohl die Wasserstelle nur eine halbe Stunde entfernt liegt. Denn
in dieser Bruthitze will niemand einen vollen 20-l-Kanister schleppen.
Esel als Krankenwagen
Aber der Verdienst sei für sie gar nicht das Wichtigste, sagen die
Frauen aus Afta und Zula. Die einzige Gesundheitsstation und damit auch der einzige
Arzt sind in Foro - also zwei (Afta) bzw. drei (Zula) Stunden entfernt. "Wir haben
hier Malaria", sagt Amna, "wenn ein Kind krank wurde, musste ich warten und zusehen,
wie das Fieber stieg. Bis es nachts etwas kühler wurde, und ich es nach Foro tragen
konnte. Aber wir haben hier auch jede Menge Skorpione und Schlangen. Dann kann man
nicht warten."
"Ich habe drei Kinder und jeden Monat muss ich mindestens eins schnell
zum Arzt bringen. Viele Frauen hier haben sogar fünf oder sechs Kinder! Wir brauchen
die Esel! Manche Kinder sind gestorben, weil wir sie nicht rechtzeitig zum Arzt
bringen konnten." Der Esel als lebensrettender Krankenwagen - das gibt es nicht
nur in den noch schlecht erschlossenen Dörfern südlich von Massaua. Sondern auch
in entlegenen Regionen in Gash-Barka.
Im südlichen Sahel, in Sheeb, Gathelay und anderen Orten, ist
es so heiß, dass jeder, der es sich leisten kann, von Mai bis August ins Hochland
geht. Für alleinerziehende Frauen ist das unmöglich: Wie sollten sie dorthin kommen?
Wo leben? Wie Geld verdienen?
Viele Mütter, die vor ein paar Jahren einen Esel
bekommen haben, packen inzwischen jedes Jahr das Nötigste auf den Esel, gehen
mit ihren Kindern ins Hochland, bauen sich dort für ein paar Monate einen
Unterstand aus Holzstangen, Stroh und Matten. Geld verdienen sie genauso
wie im Tiefland mit dem Esel.
Kinder gehen zur Schule
Die Menschen sind wieder in die zerstörten Dörfer entlang
der äthiopischen Grenze zurückgekehrt. Manche wohnen schon in Häusern, viele
noch in Zelten. Im November und Januar hat die Frauenunion dort erneut Esel
vergeben.
Z.B. an die 38jährige Hiwet Woldeselass aus Kesad Eka (drei Kinder).
Sie war 1998 geflohen. Da der Grenzverlauf noch nicht geklärt ist, kann sie nicht
zurück in ihr Heimatdorf. Sie lebt zwar nach wie vor im Ungewissen und im Zelt,
aber sie verdient ihren Lebensunterhalt jetzt selbst: Sie verkauft Wasser an die
Baustellen. Ihre Kinder gehen zur Schule.
Oder Taregeg Kidane, eine 44jährige Mutter (Tigrigna) von sechs Kindern aus
Geza Medabay: Sie wohnt zur Zeit in einem selbst gebauten Unterstand, arbeitet mit dem Esel als
Holzverkäuferin und seit ein paar Monaten in der Getreidemühle. Dort erhält sie als Lohn einen
Anteil des gemahlenen Getreides. Aber wenn sie krank würde und nicht zur Arbeit kommen könnte,
wäre ihr Job weg. Der Esel ist ihr Sicherheitsnetz und außerdem die einzige Möglichkeit, Geld
für andere Nahrungsmittel, Schulhefte und Kleider zu verdienen.
Weini Teklemariam, 31 Jahre und alleinerziehende Mutter von drei kleinen
Kindern aus Shambuko, musste früher Miete für eine Hütte zahlen. Seit sie den Esel hat und
genügend Wasser holen kann, braut sie Bier. Vom Verdienst (ca. 1,5 Euro am Tag) hat sie Holz
gekauft und sich ein Haus aus Holz und Palmwedeln gebaut. Das Zelt aus dem Flüchtlingslager
fungiert als Dach.
Ein richtiges Haus
Frauen, die im März 2001 einen Esel bekommen haben, sind oft schon einen
großen Schritt weiter. Hansu Geresghiher, die alleinerziehende Mutter aus Enda-Girgish,
die vergangenes Jahr mit sechs Kindern auf sechs Quadratmetern wohnte
(Reisebericht 2001),
hat inzwischen ihre Hütte abgerissen und ein richtig gemauertes Haus mit Wellblechdach
gebaut. Nur die Türen fehlten noch, sollten aber Ende Mai eingebaut werden.
Ihr gegenüber
wohnt Dehab Mekonnen (drei Kinder). Auch sie hatte im März 2001 einen Esel bekommen.
Kurz vor meiner Reise im vergangenen Jahr hatte ein Sturm eine Hüttenwand völlig
eingerissen. Sie wurde gerade notdürftig wieder aufgebaut. Als sich Hansu dieses
Jahr zum Hausbau entschloss und mauern ließ, entschied sich Dehab, das mit dem Esel
verdiente und gesparte Geld ebenfalls in ein richtiges Haus zu investieren. Das fehlende
Geld besorgte sie sich über einen Kredit. "Den kann ich zurückzahlen, das schaffe ich."
Beide Frauen waren sehr viel selbstbewusster als im Jahr zuvor.
Die Frauen werden durch die Esel sehr viel mobiler und können ihren
Aktionsradius und damit ihre Verdienstmöglichkeiten ausweiten. In Tekleret, wo im Dezember
2001 Esel vergeben wurden, reiten inzwischen etliche Frauen mit den Eseln zur Arbeit in
eine der Plantagen bei Agordat (Gash-Barka). Vorher, ohne Esel, war der Weg dorthin zu weit.
Selbständige Unternehmerinnen
Mariam Hassan Ali (Tigre), eine 37 jährige Mutter von vier Kindern aus
Sheeb (südlicher Sahel) macht mit ihrem Esel vor allem Transporte. Im Winter, während und
nach der Ernte, arbeitet sie, "so lange man etwas sehen kann". Erst transportiert sie für
andere die Ernte von den weit entfernt liegenden Feldern. Sie verlangt zehn Nakfa (knapp
einen Euro) pro Tour. Damit hat sie verglichen mit anderen erreichbaren Jobs für eine
vierstündige Arbeit einen guten Lohn.
Ihr eigentliches Geschäft beginnt aber erst nach
der Ernte: Dann holt sie sich das Sorghumstroh von den Feldern, ihr Esel trägt pro Tour
10 Bündel. Sie sammelt es in ihrem Hof bis zum Sommer. Wenn Futter knapp ist und die Hitze
jede Arbeit zur Qual macht, verkauft sie es. Das meiste als Futter, den Rest als Baumaterial.
Pro Bündel bekommt sie einen Nakfa.
Oder: Fatna Ker, eine 30jährige Nara aus Koferenko (Gash-Barka). Sie hat
zwei Töchter, 15 und sechs Jahre. Ihr Mann hat sich vor ein paar Jahren von ihr scheiden
lassen und ihr nichts gelassen als eine Hütte, die von Jahr zu Jahr baufälliger wurde. Ende
2001 bekam Fatna einen Esel. Damit konnte sie selbst Holz und Palmstroh aus größerer
Entfernung herbeiholen und ihre Hütte wieder instand setzen. Sie macht Bastarbeiten.
Um zum Markt in Barentu zu kommen, musste sie früher um 5 Uhr
aufbrechen, kam um 10-11 Uhr
dort an und war erst spät abends zurück. Da sie alles selbst schleppen musste, konnte sie
nur sehr wenig Bastmatten mitnehmen. Sie war den ganzen Tag von ihren Kindern weg - aber es
lohnte sich nicht. Deshalb verkaufte sie früher meist an Händler, erzielte damit aber nur
einen Bruchteil des Marktpreises.
Seit sie den Esel hat, geht sie selbst jede Woche zu
zwei Märkten - Barentu und Mogollo - und verdient nun genug für sich und ihre Kinder.
Auch ihr Rohmaterial muss sie nun nicht mehr kaufen, sondern sie geht mit dem Esel zu
den Plantagen, sammelt Palmstroh und verkauft es sogar weiter.
In Gash-Barka - dort hat die Frauenunion 1996 das Eselprojekt
begonnen - haben jetzt die ersten Frauen ihr Wasser-, Holz- und Transportgeschäft
mit dem eigenen Esel-Pony erweitert. Esel brauchen vier bis fünf Jahre, bis sie
ausgewachsen sind.
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