Reisebericht Mai/Juni 2003
von Stefanie Christmann
Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, hat im Mai/Juni 2003 drei Projektregionen
in Eritrea besucht - Gash-Barka, die Nördliche Red Sea Province und Anseba. Die Reise wurde wie
immer privat finanziert.
Im ganzen Land herrschte extreme Dürre. Die Frauen in den ländlichen Regionen gehen
deshalb zwei
mal zum Fluss, um die Menge Wasser zu holen, die sie sonst mit einem Mal holen. Da die Esel
weniger Futter finden, sollen sie nicht überlastet werden. Außerdem füttern viele Frauen Stroh
und sogar Getreide zu. Etliche Frauen nutzen ihre Esel zur Zeit, um anderen die Nahrungsmittelhilfe
von der Verteilstelle nach Hause zu bringen. Wieder beeindruckte mich die Fähigkeit der Frauen, mit
den Eseln Nischen zu nutzen.
Role Models zeigen den Weg
Die Frauen aus den ersten Vergabejahren wirken heute als role models: Wer
jetzt einen Esel bekommt,
kennt Frauen, die ihre Armut selbst überwunden haben. Im Juni 2001 war Fatna Said (Tigre)
in Afabet und Umgebung die einzige Frau, die sich ein Haus gebaut hatte
(Reisebericht 2001).
Inzwischen haben etliche Frauen im großräumigen Afabet es geschafft.
Selbst Kadija Mahmoud
(Tigre) hat ein Haus gebaut - eine Großmutter, die allein für mehrere Enkel sorgen muss, weil
die mittlere Generation gestorben ist. 2001 wohnten sie und die drei Kinder noch zwischen
niedrigen Wällen aus aufgehäuften Steinen, die mit einer schwarzen Plastikplane überdacht waren.
Oder Hadija Hamad Ahmad (Tigre): Die heute 37jährige Mutter von drei Kindern besaß 2000 nichts,
außer dem Esel von der Frauenunion. Statt wie früher Matten zu flechten (für 1-2 Nakfa Reinverdienst
am Tag), hatte sie gerade mit Wasserhandel begonnen. Inzwischen hat sie sich ein großes Haus gebaut.
Sie hat eine Ziege und ein Huhn gekauft und bereits neun Küken. Die Hühner will sie behalten,
Hähne und Eier verkaufen (ein Ei kostet 0,80-1 Nakfa). Ihre Kinder gehen alle zur Schule.
Sobald die Dürre vorbei ist, wollen die Frauen in Afabet, die im November 2002 Esel bekamen,
mit Geldsparen und Hausbau beginnen. Manche haben bereits angefangen und eine, die 40jährige
Fatna Ali Mohamed (Tigre, drei Kinder), wohnt sogar schon in ihrem Neubau!
Fotografieren ohne Tuch
Fatna Said lebt immer noch vom Wasserkauf. Sie ist besonders stolz darauf, dass sie
ihrer ältesten Tochter im vergangenen Jahr sogar die Hochzeit finanzieren konnte.
Das ist in Eritrea sehr wichtig für die Stellung der Braut in der neuen Familie.
Die jüngere Tochter geht noch zur Schule.
Fatna Said, die sich Anfang der 90er
Jahre scheiden ließ, weil ihr Mann eine zweite Frau heiratete, hat für ihre
Töchter alle Nachteile wettgemacht, die Mädchen alleinerziehender Frauen haben.
Sie ist sehr geachtet. Als ich sie 2001 fotografieren wollte, verdeckte sie ihr
Gesicht mit einem Tuch. Diesmal fragte sie mich, ob ich sie fotografieren könne:
ohne Tuch.
In Adi Teklezan hat Birkti Mussurgski (Tigrigna, 3 Kinder) ein Haus
mit Innen- und Außenanstrich, Fußboden, Wellblechdach und Dachrinne gebaut. Sie hat
inzwischen einen männlichen Esel, ein Eselpony und ihre Eselin ist wieder tragend.
Ihre Nachbarin Regat Kobrum (Tigrigna) ist gerade in ihren Neubau mit Wellblechdach
eingezogen.
Ihr Hausbau ist eine unvorstellbare Leistung, denn sie sorgt allein für
acht Kinder, die alle zur Schule gehen und Nahrung, Kleider und Schulhefte brauchen.
Alles schon geplant
Nach wie vor wollen die Frauen zuerst einmal ausreichend Nahrung für
die Familie kaufen, weil sie meist seit Jahren von Tee, Zucker und trockenem Brot oder
Getreidebrei leben. Aber anders als zu Beginn des Projekts haben sie jetzt schon am Tag,
an dem sie den Esel bekommen, ihr Ziel und ihren Plan vor Augen.
Wie Hiwet Haile
(Tigrigna, 3 Kinder). Die vielleicht 40 kg wiegende Frau will sich mit Wasserhandel
das Geld für eine Teestube verdienen und dort auch Mahlzeiten anbieten. Ihrem Esel
gab sie den Namen "Senait": Glück.
Ich war dieses Jahr zum ersten Mal dabei, als ein
Esel vergeben wurde (an Hiwet Haile). Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen
gesehen, der so in Freude aufging wie Hiwet. - Übrigens haben die Esel alle Namen wie
"Hilfe", "Zukunft", "Zuverlässigkeit" etc.
Ein Obstgarten in der Wüste
Die Frauen entwickeln immer neue Ideen, wie sie den Esel nutzen können.
Nesrit Abubaku (Bilen, 40 Jahre, drei Kinder) lebt im Bergdorf Metkelabi, zwei Stunden
Fußweg von Halhal entfernt, das wiederum 40 km Piste abseits der Teerstraße liegt. Da es
keine andere Verdienstmöglichkeit gab, hat sie - schon bevor sie den Esel bekam - Wasser
und Holz verkauft. Obwohl sie es selbst auf dem Rücken schleppen musste. Allein für den
Hinweg zur Wasserstelle braucht sie anderthalb Stunden. Eine unsägliche Plackerei für ein
Verdienst von 2 Nakfa am Tag.
Jetzt verkauft sie mit dem Esel Holz und Gras - mit sehr viel
besserem Verdienst. Ihr eigentliches Projekt ist aber ein großer Obstgarten: Sie kauft
Setzlinge, die sie mit Hilfe des Esels zwei mal am Tag bewässert. Vier Guavenbäume sind
trotz der Dürre angewachsen.
Sie sagt, in vier Jahren könne sie die ersten Früchte ernten.
Sie werde das Obst mit dem Esel zum Markt bringen und selbst verkaufen, so dass sie den
ganzen Verdienst behalte. Sie will weitere Obstbaumarten pflanzen und freut sich darauf,
irgendwann vom Verkauf ihrer Früchte leben zu können.
Hoffentlich bald reguläres zweites Projekt: Esel als Hebammentaxis
Falls das Spendenaufkommen weiter so stark steigt, wird die Frauenunion im
Sommer/Herbst 2004 nicht für das gesamte Geld junge weibliche Esel finden. Alleinerziehenden
Frauen helfen weibliche Esel aber sehr viel mehr als männliche.
Wir haben deshalb mit der
Frauenunion vereinbart: Falls das Spendenaufkommen im Juni 2004 die Zahl geeigneter weiblicher
Esel übersteigt, soll sie von der verbleibenden Summe männliche als Reitesel für Hebammen in
ländlichen Gebieten kaufen (auch für verheiratete Hebammen). Die Reitesel werden als Geschenk
vergeben, zuerst in Gash-Barka, dann Northern Red Sea Province, Anseba und Southern Red Province.
Hebammen sind vielfach in einem Umkreis von drei bis fünf Stunden Fußweg die einzig
medizinisch ausgebildeten Fachkräfte. Wegen des oft schlechten Ernährungs- und Gesundheitszustands
der schwangeren Frauen und der früher nahezu ausnahmslos praktizierten Genitalverstümmelung
haben viele Mütter sehr schwere Geburten.
45 Grad und kein Schatten
710 von 100.000 Frauen sterben bei der Geburt (in Industrieländern: 1: 10.000).
Etwa jede 20. Frau stirbt bei einer ihrer Geburten - in Barka sogar jede 10. Viele Frauen auf dem
Land müssen allein oder mit ungeschulten Familienangehörigen entbinden, weil die Hebamme nicht
rechtzeitig kommen kann.
Sie sind immer zu Fuß unterwegs - bei im Sommer 45 Grad im Schatten.
Nur gibt es in Eritrea mangels Bäumen kaum Schatten. Reitesel als Taxi würden die Arbeit der
Hebammen erleichtern und einen Beitrag zum Überleben und zur Gesundheit von Frauen leisten. Die
Idee stammt von Tsega Tesfamariam, der Hebamme aus Bushuka
(Reisebericht 1998).
Die Hebammen, die in Eritrea "Traditionelle Geburtshelferin" genannt werden,
haben eine Ausbildung in Geburtshilfe (Gesundheitsministerium) und ein Training zur
Aufklärung gegen Genitalverstümmelung und HIV sowie für Empfängnisverhütung
(Frauenunion).
Sie sollen die Frauen vier mal während der Schwangerschaft besuchen
und entscheiden, ob die Frau zur Geburt in ein Krankenhaus gebracht werden muss.
Sie bekommen kein Gehalt. Manche Familien können ihnen etwas für ihre Arbeit geben,
andere nicht.
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