Reisebericht Juni 2004
von Stefanie Christmann
Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann,
war im Juni 2004 in Gash-Barka, der Nördlichen Red Sea
Province und Anseba, um sich wie jedes Jahr das Projekt
vor Ort anzuschauen. Die Reise wurde wie immer privat finanziert.
Die eritreische Frauenunion hat vergangenes Jahr in der Nördlichen
Red Sea Province - unter logistisch schwierigsten Bedingungen - bis
hinauf nach Karora an der sudanesischen Grenze Esel vergeben! Im
Norden dieser Provinz leben viehzüchtende Nomaden. Stirbt der -
oft sehr viel ältere - Mann, bleiben Frau und Kinder meist im
Nomadenzelt zurück.
Der Zaun zuerst
Fatna Mohamed Ali, eine 35-jährige Tigre,
lebt seit dem Tod ihres Mannes mit ihren drei kleinen Kindern
etwa 50 km östlich von Nakfa mehr in der Wildnis als in einem
weitläufigen Ort (Agra). Rings um ihr Zelt aus dünnen Holzstangen
und Stoff steht ein festungsartiger Zaun aus dicken Holzstämmen,
zusätzlich mit stacheligen Akazienzweigen bewehrt.
Als sie im
September 2003 einen Esel bekam, baute sie zuallererst den Zaun.
Auf die erstaunte Frage, weshalb sie nicht, wie andere Frauen,
zuerst Geld verdiente und Nahrungsmittel kaufte, entgegnete sie:
"Weil hier wilde Hunde und Hyänen leben. Kamele und Ziegen kamen
auf der Suche nach Futter bis ins Zelt. Ich hatte Angst, meine
Kinder allein zu Hause zu lassen."
Nach dem Bau des Zauns begann
sie, Wasser und Holz zu verkaufen. Sie hat vom Verdienst bereits
ein Huhn und eine Ziege gekauft. Außerdem hat die frühere Nomadin
neben dem Zelt - ebenfalls eingezäunt - ein kleines Versuchsfeld
für Tomaten angelegt, das sie täglich bewässern muss. Ihre beiden
Töchter gehen bereits zur Schule, der Sohn wird nächstes Jahr
eingeschult.
Haus mit Mauer
Freudiges Wiedersehen in Apollo und Nakfa: 2001
lebte Kadija Hamad, eine 40-jährige Tigre, mit ihren Kindern in einem
ähnlichen Zelt wie Fatna Mohamed Ali. Mit ihrem Esel (Vergabe 1998)
betreibt sie Holzhandel. Inzwischen hat sie in Apollo (Dorf zwischen
Nakfa und Agra) ein Steinhaus mit Wellblechdach und einer mehr als
zwei Meter hohen Steinmauer rings um den nun geschützten und schattigen
Innenhof gebaut. Alles weiß gestrichen, ein Prachtbau.
Nach der
drastischen Erfahrung, wie elementar wichtig ein Zaun in dieser
Region ist, war die Lebensqualität, die Kadija Hamad sich mit diesem
Haus geschaffen hat, umso spürbarer. Sie hat außerdem zwei Schafe
gekauft und will im Hof noch einen Baum pflanzen. Aus Prinzip
essen wir (zwei bis drei Frauen von der Frauenunion, der Fahrer
und ich) nie bei "unseren" Frauen. Aber Kadija hat uns mit ihrer
Freude, ihrem Stolz und einem Festessen geradezu überrollt.
Strahlend bewirtete sie uns mit einem großen Topf Rührei
und Brot.
Teezelt
Tsegga Mohammed Hadsch, eine 54-jährige Tigre mit
vier Kindern aus Nakfa (Eselvergabe 1998) hat inzwischen ein Teezelt
aufgemacht: Sie verdient damit 40-60 Nakfa am Tag (2,70 - 4 €), ein
enorm hoher Verdienst.
Von so vielen Frauen würde ich gern ausführlicher
berichten: Letenkiel Abraha (Tigrigna, 48 Jahre alt, sorgt für ihr
jüngstes Kind und zwei Enkel) hat einen großräumigen Handel begonnen:
Mit dem Esel geht sie in die Dörfer rings um Geleb (Anseba) und kauft
Gemüse und Eier. Dann fährt sie mit dem Bus in die Provinzstadt Keren,
verkauft die Produkte und bringt Gewürze und andere Waren für die Dörfer
mit.
Sie hat Land in der Nähe des Flusses, das sie bisher nur für
Hirseanbau nutzt. Jetzt will sie dort selbst Gemüse anbauen und es
mit dem Esel bewässern.
Schule für die Kinder...
Die 40-jährige Amna Hamed Schelschel (Tigre) aus
Moolaclay (Dorf bei Nakfa), vier Kinder, alle gehen zur Schule,
hat ein Maisfeld angelegt.
Halima Hadsch Adem (40-jährige Tigre) aus
Agordat/Gash-Barka verkauft Stroh, Futter und selbstgemachte
Matten. Sie hat sich neben ihrem Haus eine Duka gebaut: ein
kleines Geschäft für Seife, Wasch- und Lebensmittel. Die
vier Kinder gehen alle zur Schule.
Desda Geresgi Abib (35-jährige Tigrigna
aus Elaboret/Anseba) erhielt 2002 einen Esel. Sie ist meines Wissens
die erste Frau, die den Verdienst nutzte, um sich Strom legen
zu lassen. Der Grund: Alle sechs Kinder und Desda selbst gehen
inzwischen zur Schule, sie brauchen Licht. Sie hat vom Verdienst
außerdem zwei Ziegen und Hühner gekauft.
...und für die Mütter
Bei jeder Reise treffe ich mehr Frauen, die sich -
durch den Besitz des Esels entlastet und gestärkt - entschließen, selbst
zur Schule zu gehen. Sie lernen dort nicht nur Lesen und Schreiben,
sondern haben auch Unterricht in praktischen Fächern wie Hygiene.
Der
Schulbesuch macht die Frauen selbstbewusster. Die 30-jährige Fatna
Badme (Kunama aus Nanaburu, bei Barentu/Gash-Barka) geht nicht nur
ebenso wie ihre drei Kinder selbst zur Schule, sondern sie ist sogar
im Schulkomitee.
Der Erfolg der Frauen, die einen Esel erhalten
haben, führt in Gash-Barka dazu, dass sich einige andere
alleinerziehende Frauen einen Esel leihen, um Holz, Wasser,
Futter zu verkaufen oder Transporte zu machen - statt wie früher
mit geringer Erfolgsaussicht als Tagelöhner Arbeit zu suchen.
Der Preis fürs Leihen ist allerdings sehr hoch. Sie habe dem
Eselbesitzer die Hälfte des Verdienstes geben müssen, berichtete
die 35-jährige Hawa Ismail (Nara, vier Kinder) aus Schilabo, einem
Dorf bei Barentu.
Mit einem Esel ist das Leben leichter
Ende 2002 hat sie selbst einen Esel bekommen und
inzwischen ein (weibliches) Eselpony. Sie sammelt und verkauft
Stroh und Holz, hat zwei Ziegen gekauft und sich selbst ein fast
fertiges Haus gebaut. In der Regenzeit baut sie auf ihrem
Hausgrundstück Ingwer und Gemüse an. Alle vier Kinder und
die Mutter gehen zur Schule.
"Das Eselpony werde ich behalten",
sagt sie, "ich würde nie einen weiblichen Esel verkaufen. Dass
ich selbst einen eigenen Esel bekommen habe, hat mein ganzes
Leben verändert. Zuvor war es eine unendliche Plackerei. Heute
arbeite ich mehr, aber ich bin trotzdem nicht mehr so erschöpft."
Diese Aussage - ihr Leben sei vorher so hart gewesen und mit dem
Esel um so viel leichter - höre ich ständig, und die Dankbarkeit
ist oft erschütternd.
Wasser für elfköpfige Familie
Die meisten Frauen haben drei, vier, viele aber
sechs, z.T. acht oder zehn Kinder wie die 40-jährige Nara Amna
Ousman Mahmud aus Haicota/Gash-Barka. Allein um die eigene Familie
mit Wasser zu versorgen, geht sie zweimal täglich mit dem Esel zur
Wasserstelle. Sie verkauft Wasser und Holz und vermarktet ihre
Bastmatten selbst.
In Geleb traf ich eine Dorfhebamme mit Esel: Behita Hamad
Ali, eine 40-jährige Tigre. Sie erhielt den Esel 2001, weil ihr Mann starb
und sie mit vier Kindern zurückließ. Sie ist für mehrere Dörfer zuständig
und arbeitet ohne Entgelt. Sie leistet 10 bis 15 mal pro Monat Geburtshilfe.
Demnächst auch Hebammentaxis
Sie besucht die schwangeren Frauen ab dem 5. Monat drei- bis viermal. Jede
vierte Frau lässt sie zur Entbindung ins Krankenhaus nach Keren bringen
(extrem schwere Geburten als Folge von Genitalverstümmelung). Sie
engagiert sich, um die Genitalverstümmelung zurückzudrängen, und sagt,
es gebe erste Erfolge. Ihr Strahlen, als wir ihr das neue Projekt "Esel
als Hebammentaxi" ankündigten, werde ich nie vergessen.
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