Reisebericht Mai/Juni 2006
von Stefanie Christmann
Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, war im Mai/Juni 2006 in Debub und in der Nördlichen
(NRSP) und Südlichen Red-Sea-Provinz (SRSP), um sich das Projekt vor Ort anzuschauen. Der Flug
wurde über www.atmosfair.de klimaneutral gestellt.
Die Reise und alles, was damit zusammen hängt, wurde wie immer privat finanziert.
Wieder ein neuer Beruf entdeckt: eine Ofenplattenbrennerin. Dafür braucht man Wasser und vor allem viel Holz.
Die Kreativität und Zielstrebigkeit, mit der die Frauen ihre Esel nutzen, erstaunt immer wieder.
Netseti Araia (Reisebericht 2005) hat sich über Wasser- und Holzhandel inzwischen eine Ziege
finanziert und deren drei Zicklein großgezogen. Sie hat eine Mauer gebaut, um noch mehr
Kleintiere für den Verkauf zu züchten.
Erfolge sind keine Einzelfälle
Lettu Gebresmeskel, ebenfalls aus Denberguruf,
erklärte stolz: "Ich mache jetzt viel mehr und besseres Essen und habe für alle fünf
Kinder Sandalen gekauft." Saeda Mensur, eine Witwe, die mit ihren fünf Kindern
außerhalb Ghindas (NRSP) wohnt, erhielt den Esel vor drei Jahren und fing mit Wasser- und
Holzhandel an. Dann baute sich ein Haus und einen Laden, von dem sie inzwischen lebt.
Sie hat zwei Eselfohlen. Ihr erster Guavenbaum hat schon geblüht, jetzt will sie noch
mehr Obstbäume pflanzen.
Ihre Nachbarin Amna Amir, sechs Kinder zwischen 6 und 13 Jahren,
die alle zur Schule gehen, hat mit dem Esel einen Gemüsegarten angelegt, den sie bewässert.
Sie verkauft Wasser und Holz, kaufte vom Verdienst eine Ziege und Enten, deren Küken sie
verkauft. Auch ihr Esel hat Nachwuchs.
Manche Frauen sind vor allem froh, dass sie nicht mehr alles selbst tragen müssen, andere,
dass sie ein Einkommen haben, Essen und Schulhefte bezahlen können, dass sie ein Haus bauen
konnten, dass sie nun alles selbst entscheiden können, niemand mehr um Hilfe fragen müssen,
dass die Kinder und das Haus jetzt viel sauberer sind etc. Ich bewundere jedes Mal, wie viel
die Frauen mit den Eseln erreichen.
Die in Reiseberichten vorgestellten Frauen sind keine
Einzelfälle (häufige Frage). Oft haben die Mütter schon nach einem Jahr die Gesundheit und
die Lebensumstände ihrer Familien deutlich verbessert und sind viel selbstbewusster.
Hausbau mit Esel
Die Esel werden immer mehr zum vierbeinigen Hausbauprogramm. Viele Mütter bauen große Häuser
mit Zement und Wellblechdach. Mariam Hassan Ali, die pfiffige Strohhändlerin aus Sheeb (NRSP,
Reisebericht 2002), hat noch zusätzlich eine ausladende überdachte
Veranda gebaut, denn in Sheeb brennt die Sonne extrem.
Ihre Freundin Fatna Mohamed Nur hat ein sehr hohes, kühles
Haus gebaut und es innen mit selbst gestickten kunstvollen Wandtüchern geschmückt. Beide
Häuser sind Paläste im Vergleich zu den früheren Behelfsunterkünften. In die Hütten und
Unterstände regnet es hinein, sie sind heiß und stickig, der häufige, in manchen Regionen
permanente Wind weht Sand hinein, in der Regenzeit ist der Boden Schlamm. Die Unterstände
bieten keinerlei Schutz vor Tieren.
Verglichen mit diesen Unterständen ist die hölzerne
Strohscheune, die Mariam Hassan Ali mit dem Esel gebaut hat, ein sehr stabiles, dichtes
und geräumiges Haus. Der Wunsch, in einem richtigen Haus zu wohnen, treibt die Frauen zu
Anstrengungen, neben denen ich mich immer mickrig und schwach fühle.
Senab Ali (Sheeb)
mietete einen Esel, um überhaupt Geld für sich und ihre vier Kinder verdienen zu können.
2005 erhielt Senab Ali von der Frauenunion einen eigenen und kaufte vom Verdienst schon
eine Ziege. Ich traf sie im Juni bei 45 Grad (im Schatten) unter praller Sonne, umgeben
von Stapeln gesammelter langer Stöcke unter dem gerade errichteten Firstbalken, mit dem
der Hausbau in Sheeb beginnt.
Amna Nur Isak aus Afabet holt von einer zwei Stunden
entfernten Stelle Bausand herbei - in einem Getreidesack, den aufgeschlitzt und zu
Satteltaschen für den Esel umfunktioniert hat. Vor ihrer Hütte häuften sich schon
zwei große Hügel Sand.
Witwe und alleinerziehend mit 13
Unvorstellbar ist die Not vieler allein erziehender Mütter, die noch keinen Esel haben.
"Meine Ernte reicht nie, um meine Getreideschulden vom Vorjahr zu bezahlen. Ich muss
leihen, um Schulden bei jemand anders zu bezahlen," sagte Abrehet Andrebehan aus Zbam
Segi (Debub) im Juni - ein paar Tage, bevor sie ihre Eselin bekam.
Mit 12 Jahren
verheiratet, war sie mit 13 Kriegswitwe und Mutter. Als ihre Schwester starb,
übernahm sie auch noch deren Kind. Jetzt, mit 18 Jahren, geht sie in die erste
Klasse. Ihr größter Wunsch: schuldenfrei sein. Mit dem Esel, mit Wasser- und
Holzhandel kann sie das schaffen - und in einigen Jahren auch ihren Wunsch wahr
machen: einen eigenen Laden zu betreiben.
Jede hart erarbeitete Verbesserung
wird bewusst und dankbar erlebt. Mona Mohamed Ibrahim aus Halale (ein paar Hütten
ca. 20 km außerhalb von Assab, SRSP) verlor ihren Mann 2000 im Krieg. Ihr Holzhaus
brannte ab. Mit riesigem Zeit- und Energieaufwand bauten sie und ihre Kinder eine
niedrige Hütte aus Bastmatten. Sie flechtet auch Matten, die sie in Assab verkauft.
2005 erhielt sie einen Esel, jetzt lohnen sich die Tagesreisen, um Palmzweige zu
holen und Matten zu verkaufen.
Der Esel hilft ihr auch, Ziegen zu züchten und für
den Verkauf zu mästen, denn jetzt lohnt sich der Weg von sechs Stunden, um Futter
zu holen. Nach Sonnenuntergang kam sie zurück und überreichte jedem ihrer vier
Kinder ein ganzes trockenes Brötchen. Die Kinder wogen es zuerst in der Hand wie
eine Kostbarkeit, bevor sie es aßen.
Erfolge gegen Genitalverstümmelung
Für Momina Issa, allein erziehende Mutter von fünf Kindern aus Asbol (nahe der
Grenze zu Djibouti), ist der Esel vor allem "Hebammentaxi". Die brennend heiße,
Schatten freie Danakil-Region ist kaum besiedelt. Momina Issa betreut daher nur
ca. vier Geburten im Monat, besucht aber jede Woche 10-12 Schwangere, da es weit
und breit weder Arzt noch Fahrzeug gibt.
Die regelmäßige Überwachung der
Schwangerschaften ist für die Frauen lebenswichtig. Einen Tag, bevor ich nach
Afta (Zula-Halbinsel) kam, war dort eine Mutter von drei Kindern bei der Geburt
von Zwillingen auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Das Todesrisiko von Frauen
bei Geburten ist in Eritrea extrem hoch.
Je häufiger die Hebamme die Schwangere
besucht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass rechtzeitig für eine sichere
Geburt gesorgt werden kann. Sowohl Momina Issa als auch Fatna Omer Ibrahim,
die in Sheeb und in den besonders heißen Monaten im kühleren Geleb (Anseba)
als Hebamme mit dem Esel unterwegs ist, sagten, es gebe Erfolge gegen
Genitalverstümmelung. Aber das brauche sehr viele Gespräche.
|