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Reisebericht November 2007

von Stefanie Christmann

Die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, war im November 2007 in Gash-Barka, Anseba und Debub. Der Flug wurde über www.atmosfair.de klimaneutral gestellt. Die Reise und alles, was damit zusammen hängt, wurden wie immer privat finanziert.

Im November ist Erntezeit, die Esel transportieren tagsüber Stroh und Getreide. Abends schlagen sie sich die Bäuche voll - denn das ganze Land ist bedeckt mit hohem Gras und auch ein abgeerntetes Feld ist übersät mit Getreidekörnern.

Dies Jahr habe ich viele Frauen getroffen, die ihren Esel erst seit Mai oder Juni haben, Mütter, die zum Teil noch sehr entkräftet und müde waren. Das erste und einzige Strahlen geht über ihr Gesicht, wenn man nach dem Esel fragt.

Neue Eselvergaben

So wie bei der 30 jährigen Hali Salim (Saho aus Adi Agmar, Debub), einer Mutter von sechs Kindern. Das älteste ist acht Jahre alt. Ohne Esel musste sie dauernd bei Nach-barn um Hilfe und um Wasser fragen, denn allein bis zur Wasserstelle läuft man zwei Stunden. Jetzt verkauft sie Holz und kann selbst Getreide zum Brotbacken kaufen.

Sogar Saida Abdu (Saho) aus Civi Rasso (Debub) strahlte, als das Gespräch auf den Esel kam. Die 35 jährige Witwe hat vier Kinder zwischen drei und acht Jahren. Sie ist seit langem ganz von ihren Nachbarinnen abhängig. Sie wurde mehrfach operiert, der Weg zum Wasser ist selbst mit Esel für sie im Mo-ment zu weit. "Aber jetzt müssen die Nachbarinnen nicht mehr für mich tragen. Sondern jetzt kann ich ihnen meinen Esel anbieten, wenn sie Wasser für sich und mich holen gehen."

Esel gibt Lebensmut

Die 46 Jahre alte Fatna Driss (Nara aus Shilabo, Gash-Barka) sagte: "Der Esel hat mein Leben gerettet. Als mein Mann vor zwei Jahren starb, war ich krank, musste aber Wasser und alle Lasten auf dem Rücken schleppen. Ich war damals schon alt, ich wusste nicht, wie ich es ohne meinen Mann schaffen sollte, unsere zwei Kinder zu ernähren. Als ich Schulhefte und Stifte nicht mehr bezahlen konnte, musste ich sie aus der Schule nehmen. Der Esel hat mir wieder Lebensmut gegeben. Ich kann uns jetzt alleine versorgen und meine Kinder gehen wieder zur Schule".

Mehrere junge Mütter, die im Sommer erst ihren Esel bekommen haben, planen bereits den Hausbau. Arlassia Andemariam (Tigrigna) verkauft nun Holz und Holzkohle im drei Stunden entfernten Decemhare (Debub). Seit der Scheidung kann die 23 jährige Mutter eines Säuglings übergangsweise bei ihren Eltern wohnen. Aber sie sind schon alt, Arlassia muss vor deren Tod ein eigenes Haus gebaut haben. Denn bei der Erbteilung verliert sie das Dach über dem Kopf.

Die 28 jährige Lucia Gebrekurustas lebt zur Zeit mit ihren vier Kindern in einem nicht mehr genutzten ehemaligen Eselstall (8 qm) in Kudu Arba (Debub). Im Sommer hat sie einen Esel bekommen, sie verkauft Wasser, hat schon ein Huhn gekauft und vor allem: mit der lokalen Verwaltung gesprochen: Sie erhält ein 1000 qm-Grundstück, auf dem sie bauen und in der Regenzeit Gemüse ziehen kann.

Frauen gehen selbst zur Schule

In Debub gehen inzwischen die meisten Mütter, die einen Esel bekommen haben, später auch selbst zur Schule. Auf dem Land, wo immer noch 85-90 % der er-wachsenen Frauen Analphabetinnen sind, ist das ein enormer Erfolg. Viele Mütter strahlen jetzt so viel Selbstbewusstsein aus, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass sie früher in Armut und Abhängigkeit von Nachbarn lebten.

Die 26 jährige Adiam Zeweldi (Tigrigna) aus dem kleinen Bergdorf Assamrej (Debub) hatte zwei Kleinkinder und war schwanger, als ihr Mann sich 2001 scheiden ließ. Die Jahre danach "waren eine sehr schwere Zeit". Aber 2003 erhielt sie einen Esel und begann mit Holzverkauf und Bierbrauen. Inzwischen gehen ihre drei Kinder zur Schule, sie selbst hat die Abendschule beendet und zusätzlich gelernt, Energieeffizienzöfen mit Rauchabzug (Mogogo) zu bauen. Sie ist die einzige in der Umgebung, die das kann. Ihr eigener Mogogo ist sogar kunstvoll verziert. Sand und Wasser holen ihre Esel, denn das Fohlen kann inzwischen mitarbeiten. Sie hat Hühner und verkauft auch Eier.

Anbau zum Verkauf

Wie verzweifelt die jungen Frauen sind, wenn sie durch Tod oder Scheidung plötzlich ganz auf sich gestellt sind, kann man an ihren Versuchen, Geld zu verdienen, ablesen. Hawa Mohamed, eine 24 jährige Mutter aus Auwat (Dorf in der Region Gogne, Gash-Barka), wollte die Scheidung - obwohl sie damit nach Kunama-Recht allen Besitz verlor. Sie ging Gold graben (schwere Männerarbeit), und wusch stundenlang Erde, um ein paar Gramm Gold zu finden. Die Frauenunion ging fünf Tage bis Haicota, um eine besonders gute Eselin für sie zu kaufen. Inzwischen hat Hawa auch ein Fohlen. Statt Gold zu suchen, geht sie nun Palmwe-del schneiden, macht Matten und verkauft sie in Barentu (eine Tagestour von 4 Uhr morgens bis 18 Uhr abends). Sie kann ein Stück Land ihrer Mutter bebauen und vermarktet ihren Sesam selbst.

Die meisten Frauen bauen Sorghum (Hirse-art) zum Selbstverbrauch an. Aber immer mehr Mütter ziehen auf ihren meist kleinen Parzellen Sesam, Teff, Getreide zum Bierbrauen, Gemüse - weil sie für den Erlös mehr Sorghum kaufen als selbst anbauen können. - Kadijja Mohamed (Tigre), eine Mutter von drei Kindern aus Barentu, baut Okra und Karkare an. Karkare ist eine Heilpflanze, die mit Wasser getrunken wird. Kadijja hat ihren Esel Ende Mai bekommen und wohnt seit November im selbst gebauten Haus. Geld für den Hausbau und den Dachstuhl hat sie mit Holz- und Wasserhandel verdient. Pro Woche verdient sie 150-200 Nakfa - früher hatte sie alle zwei Wochen mal einen 30-Nakfa-Job als Wäscherin.

Zur Zeit baut sie ihre alte Hütte aus. Sie will dort einen Laden einrichten und hat schon einen Kleinsthandel mit Streichhölzern und Kaugummis begonnen. Sie hat einen Limonen- und einen Neembaum ge-pflanzt. Neembäume vertreiben Malariamoskitos. Ihre Tochter Kadra ist jetzt in der 6. Klasse - und will Lehrerin werden.

Gesellschaftlicher Aufstieg

Einige Frauen haben inzwischen kleine Eselherden. Die über 50 jährige Maccha Alfaidambei (Nara aus Gogne) hat von ihrer Eselin (Vergabe 2003) bereits drei Fohlen. Die Großmutter sorgt für drei Enkel. Früher führte sie als Tagelöhnerin Kamele, eine Arbeit, die viel Mut und Kraft erfordert. Jetzt macht sie Bastmatten und verkauft jede Woche auf dem Markt in Gogne für 80-100 Nakfa Bastmatten und Holz. Im Herbst auch Okra aus eigenem Anbau. Sie hat in diesem Jahr zwei ihrer Esel verkauft und für 3.500 Nakfa eine Kuh erworben. Ein Liter Milch kostet in Gogne 15 Nakfa (80 Cent). Da sie auch dem Kalb einen Teil der Milch lässt, konnte sie nicht sagen, wie viel Milch die Kuh tatsächlich gibt.

Faszinierend ist der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg von Brehane Zaccharias (Tigrigna) aus Barentu. Vor elf Jahren erhielt sie als ersten Besitz einen Esel, der inzwischen fünf Fohlen hat. Ihr 1997 selbst gebautes Lehmhaus mit Strohdach hat sie inzwischen für 100 Nakfa vermietet. Sie selbst wohnt im neuen Steinhaus mit Wellblechdach, das mindestens viermal so groß ist und viele Häuser in der Nachbarschaft überragt.

Brehanes drei Kinder sind in der Schule, sie hat die Abend-schule abgeschlossen. Die allein erziehende Mutter hat zwei Schafe und eine Ziege, sie baut auf ihrem großen Grundstück Sorghum an. Inzwischen hat sie in einem Kurs der Frauenunion Weben gelernt und plant einen Anbau, um einen eigenen Webrahmen im Haus zu haben. Allein mit Weben verdient sie 1250 Nakfa im Monat. Da sie nicht mehr selbst Steine machen und mauern will, hat sie zwei Esel verkauft, um anbauen zu lassen. Es waren weibliche Esel - und sie hat sie an die Frauenunion fürs Eselprojekt verkauft.

Gesetz gegen Genitalverstümmelung

Wir haben schon etwa die Hälfte der gut ausgebildeten Dorfhebammen mit Eseln ausgestattet! Die eritreische Regierung hat am 20. März 2007 Genitalverstümmelung unter Strafe gestellt: Geld- oder Haftstrafe für die Beschneiderin, die Auftraggeber und Mitwisser. Das Gesetz ist ein enormer Rückhalt für die Hebammen, die sich gegen Genitalverstümmelung engagieren.

Nachdem es in Kraft war, drohte die etwa 40 jährige Halima Adem al Hassan aus Auwat (Gash-Barka) den Dorffrauen, sie würde ihnen bei der nächsten Geburt nicht mehr helfen, wenn sie sich nach der Geburt des Kindes wieder von einer Nachbarin zunähen ließen. In einem Fall recherchierte sie sogar gemeinsam mit einer anderen Hebamme, wer die Mutter wieder zunähte, und zeigte die Frau an.

Halima bringt Frauen mit absehbar schwerer Geburt mit ihrem Esel bis zur Straße, läßt dann den Esel bei einer Angehörigen der Schwangeren zurück und begleitet die Mutter im Auto (per Anhalter) bis ins Krankenhaus. Sie ist selbst geschieden und sorgt allein für fünf Kinder. Sie war nie in einer regulären Schule, wurde aber trotzdem vom Gesundheitsministerium als Hebamme ausgebildet. Da sie schon vorher zehn Jahre erfolgreich Frauen bei Geburten half, war ihr Erfahrungswissen bekannt. Der Esel helfe auch ihr selbst. Er trage das Wasser und Palmzweige. Sie flechtet und verkauft jetzt selbst gemachte Matten.

Hebammen versuchen, Verstümmelung zu verhindern

Auch Gadit Negusse (Bilen) erhielt vor kurzem ein "Hebammentaxi", obwohl sie ihr Alter auf "zwischen 50 und 55" schätzt. Es gibt zwar in Gelas (Ort in Anseba, der aus acht auseinander liegenden Dörfern besteht) inzwischen auch eine jüngere Hebamme, aber die Familien rufen nach wie vor Gadit. "Zu Fuß habe ich oft mehrere Stunden bis ins Dorf gebraucht".

Die wendige Reiterin kontrolliert, ob die Mädchen auch tatsächlich nicht genital ver-stümmelt werden. Die Bilen machen das im ersten Lebensmonat. Das kann Gadit jetzt - durch das Gesetz und den Esel - durch häufige Besuche verhindern.

Amna Ali Mohamad Dabrei (Tigre) ist Hebamme in Adi Ömer, einem 42 km von der nächsten Teerstraße entfernten Bergdorf Ansebas. Die imponierende 40jährige Mutter von sechs Kindern (5-15 Jahre alt) ließ sich scheiden, weil sie nicht mehr "Zweitfrau" sein wollte. Sie hat weder Land noch Tiere, holte auf dem eigenen Rücken Palmzweige, um Matten und Körbe zu machen, und verkaufte sie selbst. Vor der Scheidung gingen nur die zwei ältesten Kinder zur Schule, "aber jetzt alle!"

Seit sie den Esel hat (2005), verdient sie vor allem am Transport von Stroh, Getreide und Palmzweigen. Sie war sehr stolz auf das Erreichte und erlebte sich nicht mehr als arm. Im Gegenteil: "Wenn ich zu einer Geburt gerufen werde, lasse ich alle Arbeit liegen. Ich bin die einzige ausgebildete Hebamme hier." Bezahlt wird sie für ihre Arbeit als Hebamme nicht.


Lesen Sie auch die Reiseberichte vom August/september 2011, August/September 2008, August/September 2007 (aus Nepal), Mai/Juni 2006, Mai/Juni 2005, Mai/Juni 2004, Mai/Juni 2003, Mai/Juni 2002, Mai/Juni 2001, Juni 2000 und vom Februar 1998.











Esel in Steppenlandschaft

















Saida Abdu

Die kranke Saida Abdu ist froh, sich mit Esel für die Hilfe der Nachbarinnen revanchieren zu können.



Fatna Driss

Fatna Driss hat ihr Wasser verkauft und reitet nach Hause.





Arlassia Andemariam

Arlassia Andemariam muß vor dem Tod ihrer Eltern ein eigenes Haus bauen.

























Adiam Zeweldi

Adiam Zeweldi. Die Steine für einen Mogogo werden anders hergestellt als normale Lehmbausteine.








































Kadijja Mohamed

Kadijja Mohamed ist gerade in ihr neues Haus eingezogen.











































Brehane Zaccharias

Brehane Zaccharias: Links ihr erstes selbstgebautes Haus mit weißen Lehmwänden und Strohdach, rechts der lichte Neubau, den sie nun noch um ein Zimmer erweitern will.







































Halima Adem al Hassan

Die Hebamme Halima Adem al Hassan.

































Gadit Negusse

Gadit Negusse kontrolliert die Gesundheit der weiblichen Säuglinge.











Amna Ali Mohamad Dabrei

Amna Ali Mohamad Dabrei hat kein Land, sorgt aber allein für sechs Kinder und ihren alten Vater. Wenn sie jedoch zur einer Geburt gerufen wird, läßt sie alle Arbeit liegen.


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